Vipassana – 10 Tage Edle Stille und Gleichmut praktizieren

Vipassana Meditation

Seit ungefähr 1,5 Jahren versuche ich mich für einen Vipassana-Kurs anzumelden und immer waren die Plätze schon voll und ich hatte keine Chance als „neuer Schüler“ in Triebel, dem einzigen offiziellen Kursanbieter in Deutschland anzufangen. Ich gab nicht auf und dachte mir, wenn der richtige Zeitpunkt kommt, dann wird es schon klappen. So erhielt ich nun spontan diesen Juni die Möglichkeit auf der Warteliste reinzurutschen. Ich kannte einige Leute, die diesen Kurs bereits absolviert hatten und auch deren Erzählungen. Ein Erholungsurlaub würde es jedenfalls nicht werden. Für alle die Vipassana nicht kennen, will ich schnell eine Kurzdefinition vorab bringen.

Was ist Vipassana?

Vipassana bedeutet die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Es ist eine der ältesten Meditationsformen Indiens und wurde von Gautama dem Buddha vor 2500 Jahren wiederentdeckt und verhalf ihm zur Erleuchtung. Sie gilt als die Reinigung des Geistes und als universelles Heilmittel des Leidens und der Ichlosigkeit und wird somit als eine Kunst des Lebens gesehen. Obwohl Buddha es gelehrt hat, steht es in keinem Konflikt zu anderen Religionen und es wird immer wieder betont, dass es keine Sekte, Glaubensrichtung, Philosophie oder ähnliches ist. Man solle nichts glauben, nur weil ein Guru oder Gott es so sagt, sondern selbst erfahren und die Technik auf intellektueller sowie körperlicher Ebene eigens verstehen.

Wie läuft es ab?

Ich persönlich habe mit Religionen nichts am Hut, obwohl wahrscheinlich der Buddhismus die Religion ist, die ich am ehesten akzeptieren und verstehen kann. Seit ca. 2 Jahren meditiere ich auch regelmäßig und fand mich gut vorbereitet diesen Kurs und diese intensive Erfahrung nun zu erleben. Der Plan sah folgender Maßen aus: Man musste sich vorher einverstanden erklären 10 Tage lang die gesamte Dauer auf dem Kursgelände zu bleiben, keinen Augen- oder Körperkontakt zu den anderen Teilnehmern zu haben, sowie die gesamte Kurszeit nicht zu reden. Man durfte außerdem nichts benutzen was einen ablenken könnte oder sich irgendwie anderweitig beschäftigen außer mit meditieren, essen, waschen, spazieren gehen (auf dem Gelände) und schlafen. Man lernt die Grundlagen der Methode und praktiziert ausreichend um deren positive Auswirkung auch wirklich zu erfahren. Ausreichend ist hier tatsächlich wörtlich gemeint! Um 4 Uhr ist Wecken durch den Gong und dann wird bis 21 Uhr meditiert. Es gibt nur kurze Pausen zum Essen oder um sich die Beine zu vertreten. Jegliche körperliche Betätigung wie Joggen oder Yoga ist außerdem verboten. Frühstück gibt es um 6.30 und Mittag um 11 Uhr und alles vegan aber ab 12 Uhr gibt es für alte Schüler dann gar nichts mehr zu essen und für uns neue Schüler gab es um 17 Uhr noch Obst. Trotzdem hatte ich ständig Hunger und sehnte mich schon kurz nach dem Frühstück wieder nach dem Frühstück am nächsten Tag, weil ich kein großer Fan des Mittagessens war, obwohl ich natürlich trotzdem viel aß, da ich einfach Hunger hatte! Der Kurs ist komplett kostenlos, nicht einmal für Unterkunft oder Verpflegung werden Gebühren erhoben. Deswegen kann ich mich natürlich nicht über das Essen beschweren. Alles wird von Spenden finanziert und am Ende der 10 Tage sollte man allerding schon etwas spenden, da man den Kurs ja auch für nachfolgende Schüler ermöglichen will, so wie es für einen selbst ermöglicht wurde. Doch tatsächlich muss man das nicht, wenn man z.B. finanzielle Probleme hat.

Meine Ankunft im Meditaionszentrum

Ich fuhr von Berlin mit dem Auto nach Triebel und nahm noch einen jungen Mann mit, der auch am Kurs partizipierte, dies allerdings schon zum dritten Mal. Voller Vorfreude und Euphorie fuhren wir über die Autobahn. Max, so war sein Name, sagte ich solle mich nur nicht allzu sehr freuen, denn die Erwartungen können stark enttäuscht werden. Aber ich hatte keine Erwartungen auf einen Wellness-Urlaub. Ich war bereit meine innersten emotionalen Wunden zu heilen und wusste, dass dies natürlich auch sehr unangenehm werden würde. Ich sehnte mich danach mehr über mich und meine Gefühle, Gedanken und Glaubenssätze zu erfahren und ging wirklich voller Freude und Aufregung an diesen Kurs heran. Meine Kollegen und alle anderen denen ich davon erzählte, machten schon Witze, dass ich eh nicht so lange still sein könne und dass ich sowieso nach ein, zwei Tagen abbrechen werde. Aber für mich war das gar keine Option. Ich würde nichts anfangen, wenn ich nicht 100 Prozent sicher wäre, dass ich das nicht durchziehen würde. In Triebel angekommen war es schon gegen 19 Uhr und bis 20 Uhr durfte man noch reden. Also registrierte ich mich schnell, bezog mein Zimmer und hatte auch noch Gelegenheit 2-3 Sätze mit den anderen zu wechseln. Dann ging es aber auch schon zur Dhamma-Halle, der großen Meditationshalle, wo ich die nächsten Tage nun also über 10 Stunden täglich verbringen sollte, zusammen mit über 120 Leuten. Männer und Frauen waren streng getrennt, nur in der Meditationshalle waren wir zusammen, allerding auf zwei verschiedenen Seiten separiert. Wir bekamen einen Sitzplatz zugewiesen, damit wir also jeden Tag am selben Platz saßen. Zuvor konnte man sich mit Kissen und Decken aus einem Regal ausstatten und sich so „gemütlich“ wie möglich sein „Auf-dem-Boden-Hocken“ gestalten. Ich hatte ernsthafte Sorgen um meinen Rücken. Das waren eigentlich meine einzigen Sorgen die ich mir zuvor gemacht hatte: Ob ich mit meiner operierten Wirbelsäule wirklich jeden Tag so viele Stunden auf dem Boden sitzen könne. Allerdings war nicht vorgeschrieben, dass man im Lotus-Sitz sitzen musste. Ältere Damen hatten auch einen Stuhl am Rand, der ihnen zugewiesen war.

Jetzt geht es los

21.30 Uhr war Nachtruhe und am nächsten Tag sollte es dann „richtig“ losgehen. Und der Gong kam pünktlich um 4 Uhr am Morgen. Mein ganzer Körper musste sich erst einmal umstellen und an diese Schlafenszeiten und auch an diese Essenszeiten gewöhnen. Aber erstaunlicherweise ging das ganz okay. „Gut“ würde ich nicht sagen, aber ich hätte es schlimmer erwartet. Die ersten drei Tage galt es den Geist zu beruhigen. Anapana-Meditation wurde geschult, bei der man sich nur auf das Dreieck in der Nase bis zur Oberlippe konzentrierte wo der Atem fließt. Dieser kleine Bereich wurde nun 3 Tage lang über 10 Stunden täglich nur beobachtet. Ich wurde wahnsinnig! Meine Gedanken rasten und mir fiel es sehr schwer mich auf meine Atmung zu konzentrieren. Ich kam mir vor wie ein Geisteskranker. Die banalsten Gedankenfetzen kamen und wurden von neuen gejagt, brachen in der Mitte ab und setzten sich neu und noch wirrer als zuvor zusammen. Zum Glück gab es jeden Abend einen Dhamma-Vortrag. Ohne diesen wäre ich verloren gewesen! Es wurde jedes Mal genau das aufgegriffen, womit ich mich am Tage beschäftigt und geplagt hatte. Und durch unsere ständige Reizüberflutung der wir im täglichen Alltag ausgesetzt sind, sei es normal, dass es einige Zeit dauerte bis wir unseren Geist völlig beruhigen. Die Vorträge jeden Abend und auch die Einführung in die tägliche Technik kamen vom Band. Denn der Lehrer S. N. Goenka ist leider im Jahre 2013 gestorben. Oder wenn man Buddha glaubt, nicht „leider“ sondern zum Glück. Die Vorträge bzw. Buddhas Annahmen waren doch oft sehr „pessimistisch“. Zumindest kommt es am Anfang so rüber. Der Mensch leidet! Er leidet von dem Moment wo er geboren wird, rennt auf seinen Tod zu und leidet die ganze Zeit. Dann wird er wieder geboren und das Leiden beginnt erneut. Ziel ist es diesem Leiden und dem Kreislauf der Wiedergeburt zu entkommen. Puh..hört sich nicht allzu vielversprechend an!

Dennoch ging es mir darum zumindest weniger zu leiden! Erleuchtet würde ich eh nicht werden (zumindest nicht in diesem Leben), da ich nicht vor hatte mein Leben als Nonne zu verbringen oder diesen Unreinheiten, wie allen Arten des Verlangens für immer zu entsagen. Buddha sagt wir leiden aus zwei Gründen. Entweder weil wir etwas verlangen und leiden weil wir es noch nicht besitzen oder wir leiden, weil wir es besitzen aber Angst haben es wieder zu verlieren. Das Prinzip beruht auf dem Bewusstsein das ALLES entsteht und ALLES auch wieder vergeht! Deswegen sollen wir uns an nichts anhaften. Keinem Besitz, weil der könnte verloren gehen und auch keinem anderen Menschen, denn der könnte uns verlassen oder auch sterben. Unser Glück ist nur von uns selbst abhängig. Wenn wir lernen diesen Unreinheiten mit Gleichmut zu begegnen, können wir anfangen dem Elend ein Ende zu setzen.

Worum geht es?

Unreinheiten sind Verlangen, Abneigung und Unwissenheit. Alles was wir denken oder tun, machen wir um positive Empfindungen zu erlangen und negative zu vermeiden. Und laut Buddha ist das die Wurzel allen Leidens. In Vipassana lernt man nun Gleichmut zu entwickeln bei allen körperlichen Empfindungen die man an und in sich beobachtet. Man scannt also seinen Körper von Kopf bis Fuß und reinigt so seine Unreinheiten. Es ist ein Naturgesetz, dass diese verschwinden sobald wir ihnen keine positiven oder negativen Emotionen zuweisen, sondern lediglich die ganze Zeit gleichmütig beobachten. Leichter gesagt, als getan!! Während um mich herum eine nach der anderen Frau emotionale Ausbrüchen erlebte, saß ich da und … ja und langweilte mich zu Tode. Ich langweilte mich sooo sehr. Ich verstand das Prinzip nicht und ich spürte auch nichts. Ich war verzweifelt, ..was für eine Zeitverschwendung. In den Mittagspausen durfte man die Assistenzlehrer für 5 Minuten sprechen (aber nur flüstern) und ich suchte nach Rat. Ich bekam allerdings genau das, was ich erwartete: „Sei geduldig, beobachte dich weiter, sei diszipliniert!“ Super! Ich war frustriert obwohl ich natürlich wusste, dass sie Recht hatte! Ich wollte auch heulen und mein inneres Kind begegnen und alte Verletzungen und Traumata heilen! Nichts! Ich langweilte mich nur und drehte mich mit meinen total banalen Gedanken im Kreis. Nichts Tiefgründiges, nichts Erkenntnisreiches, Nichts! Ich war enttäuscht.

Erleuchtung?

Jedoch war genau das mein größtes Thema: Meine Ungeduld und mein Versagen den Moment zu genießen und nicht in die Vergangenheit zu schweifen oder schon wieder 1000 Pläne für die Zukunft zu machen. Da machte es Klick. Ein Grund warum man nicht reden soll, war es natürlich auch sich nicht zu vergleichen. „Ich will auch dies und das erleben, was mein Nachbar erfahren hat.“ Nein, so sollte es ja eben nicht ablaufen! Jeden Tag kam etwas Neues hinzu oder die Regeln wurden noch „strenger“. Ich glaube an Tag 5 durften wir uns nun für jeweils eine Stunde durchgängig während der Meditationen gar nicht mehr bewegen! Kein Kratzen, kein Augenreiben, kein Kopfkreisen, kein Zucken im Zeh, kein Blinzeln, kein Garnichts! Ich dachte mir nur …du meine Güte, wie soll ich das denn mit meinen Rückenschmerzen aushalten. Und wir alle hatten Schmerzen, tierische Schmerzen! Bis ich verstand, dass das auch normal und ein Teil der Reinigung war, brauchte es auch eine Weile. Es war wirklich teilweise kein Zuckerschlecken und die Tage gingen kaum vorbei. Ich versuchte mich in den Meditationen zwar auf die Technik zu konzentrieren und hoffte auf einen erleuchteten Moment, Trance-Zustände oder einfach irgend etwas aber meist war mir tatsächlich nur langweilig oder ich nickte ein. Doch auch das war ein großes Thema für mich im Leben, was ich auch erst langsam verstand: meine Langweile! Ich war schon immer schneller als alle anderen gelangweilt. Gepaart mit meiner Ungeduld, war das nicht immer eine angenehme Situation in meinem Leben! Ich brauchte immer Action, immer Beschäftigung, immer Entertainment. Wenn das nicht geboten wurde, konnte ich auch mal schnell unangenehm werden. Als ich das alles realisierte und ich reflektierte mich natürlich ununterbrochen, ich hatte ja auch nichts anderes zu tun, kam der Punkt an dem endlich alles einen Sinn machte!! Finally! An Tag 9! Also die zehn Tage waren wirklich nützlich. Wenn der Kurs nur eine Woche gewesen wäre, hätte mir es nicht viel gebracht. Und auch das wurde in den Vorträgen erwähnt. Der ursprüngliche Vipassana Kurs dauerte 7 Wochen, doch dann passierte „das busy Leben“ und die Menschen hatten nicht mehr so viel Zeit und es wurde auf einen Monat verkürzt. Doch auch da konnten sich viele Menschen nicht so lange Urlaub von ihren Jobs oder Familien nehmen und es wurde erneut auf 20 Tage verkürzt. Und es wurde weiter herumprobiert ob man den Kurs noch kürzen könne und tatsächlich sind 10 Tage das absolute Minimum um danach was in sein altes Leben mitzunehmen und eine lebensverändernde Erfahrung zu machen.

Da war sie nun: an Tag 9! Ich verstand die Technik nicht nur intellektuell, sondern konnte sie nun endlich auch auf körperliche Ebene erfahren. Genau dann als ich mich wirklich mit eisernen Willen dazu gebracht hatte mich die ganzen 60 Minuten nicht zu bewegen, machte ich die Erfahrungen. Ich hatte das erste Mal seit ewigen Jahren keine Rückenschmerzen und konnte das Reinigen des Geistes nachvollziehen und deutlich erkennen. Es ist natürlich schwer in Worte zu fassen und in diesem Rahmen hier zu erklären. Aber ganz und gar kein Hokuspokus sondern Naturgesetz. Deswegen kann ich euch nur alles raten, diesen Kurs auch zu belegen! 10 Tage sind nicht zu lang, dass ihr sie nicht aufbringen könntet und Geld spielt auch keine Rolle. Die Nachhaltigkeit ist auch eine Frage mit der ich mich beschäftigt habe und es wird empfohlen diesen Kurs jedes Jahr zu wiederholen und auch zu Hause jeden Morgen und jeden Abend eine Stunde zu meditieren. Definitiv war es rückblickend betrachtet eine tolle Erfahrung und als wir an Tag 10 alle wieder reden konnten, war es super sich mit den anderen tollen Menschen auszutauschen, da man auch noch eine Nacht danach dortblieb und erst am Tag 11 morgens abreisen sollte. Ich würde es definitiv noch einmal machen und bin absolut in das Prinzip des Gleichmutes verliebt. Es hilft mir tatsächlich in meinem täglichen Leben nicht ständig von äußeren Faktoren meine Glückseligkeit abhängig zu machen. Shit happens, aber das ist kein Grund mich aus der Bahn zu werfen! 😉 Das Prinzip zu verstehen, dass alles entsteht und vergeht und diesen Dingen gleichmütig zu begegnen, eben ganz egal was passiert, ist der Schlüssel für ein glückliches Leben. Wenn es klick macht und man kapiert, dass niemand für das eigene Leben verantwortlich ist außer man selbst, sieht man ein, dass man dieses dann nach eigenen Wünschen gestalten kann. Es gibt nichts im Außen was uns glücklich macht, denn es ist vergänglich. Alles was wir zum Glücklichsein brauchen, ist schon längst in uns drin. Es wird Zeit den Blick nach innen zu wenden und an der richtigen Stelle zu suchen.

 

2 Kommentare

  1. Natalie sagt: Antworten

    Sehr gute Zusammenfassung und Erklärung. Und danke fürs teilen. Für alle die noch nicht bei Vipassana waren, soll nicht der Eindruck entstehen dass man dort verhungert, im Gegenteil. Ich hatte diese Befürchtung tatsächlich zu Beginn meines Kurses und dann hat sich das Essen als eines der absoluten Highlights herausgestellt, weil von älteren Damen mit so viel Hingabe und Liebe gekocht wie man es in keinem Restaurant der Welt bekommt. Auch Langeweile muss nicht sein, mir kamen die Tage deutlich kürzer vor als „normale“ Tage. Ich glaube jeder macht hier seine eigene Erfahrung. Wichtig ist dass man sie macht, also Go for it! Es bringt so viel!

    1. sei_dir_selbst_bewusst sagt: Antworten

      Liebe Natalie,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Das stimmt natürlich das man nicht verhungert. Aber für mich persönlich war es nicht immer easy. Ohne Frühstück komme ich z.B. besser klar, als ab 12 Uhr mittags nichts mehr Richtiges in den Bauch zu bekommen, wenn man bis 21 Uhr meditiert. Das war für mich schon crazy. In der Küche arbeiten immer unterschiedliche Leute. Man kann sich für den Service genauso bewerben, wie für den Kurs und neben dem meditieren noch kochen oder abwaschen z.B. Und wie ich sagte, war das mit der Langeweile „mein Thema“ also für andere auch ganz anders wahrgenommen 😉 Alles in allem möchte ich auch nochmal betonen, dass es eine tolle aber intensive Erfahrung war und ich es nur jedem empfehlen kann! 🙂 Allerliebste Grüße, Darina-Marie

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